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Interview mit "Der Pädagogische Blick"

Arme Kinder – Soziale Arbeit und Armut

Interview mit Frau Prof. Dr. Margherita Zander,
Staatliche Fachhochschule Münster

Diesess Interview wurde im Auftrag der Redaktion von "Der pädagogische Blick" 2007 von Hilmar Peter durchgeführt. In dem Interview wird vorwiegend nach Ergebnissen der Kinderarmutsforschung, aber noch eingehender nach der Zielsetzung von Sozialer Arbeit gefragt. Der Interviewer setzt einen Schwerpunkt auf meine Positionen zu Resilienz und auf die Rolle, welche die Resilienzförderung in der Sozialen Arbeit spielen könnte. 

 

HP: Frau Zander, Sie haben mehrere Forschungsarbeiten zum Thema Kindheit und Armut durchgeführt. Sie bereiten gerade eine Publikation zur Resilienzförderung im Armuts-kontext vor. Wer war Auftraggeber für die Forschungsarbeiten und was war das Forschungsziel?

MZ: Ich war an zwei dreijährigen Forschungsprojekten zu Auswirkungen und kindlichen Bewältigungsstrategien von Armut beteiligt, zunächst an einem Projekt in Jena und im Saale Holzlandkreis (zusammen mit dem Kollegen Prof. Karl August Chassè). Dieses Projekt wurde vom Thüringer Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur gefördert und Ende 2000 abgeschlossen. Im Anschluss daran habe ich ein ähnliches Projekt in Münster und Westmünsterland durchgeführt, im Rahmen eines For- schungsverbundes „Kindheit und Armut in NRW“, der vom Ministerium für Schule, Weiterbildung und Forschung des Landes NRW finanziert wurde.

Die beiden Projekte, deren Ergebnisse auch publiziert sind, verfolgten vor allem das Ziel, die Perspektive der betroffenen Kinder zu erforschen, d.h. wir wollten in Erfahrung bringen, wie Kinder im Grundschulalter Armut wahrnehmen, deuten und bewältigen. Wir haben deshalb die Kinder selbst in qualitativen Befragungen (mit einem Set von kin- derfreundlichen Befragungsmethoden) zu Worte kommen lassen und in ergänzenden Gesprächen mit den Eltern die familiären Rahmenbedingungen abgeglichen.

HP: Wenn man das Thema Armut im Kontext Sozialer Arbeit behandelt, muss man eine Vorstellung davon haben, was Soziale Arbeit in diesem Zusammenhang leisten soll...

MZ: Soziale Arbeit hat eine lange Tradition mit Fürsorge und Armut, ja sie ist Ende des 19. Jahrhunderts in diesem Kontext entstanden, gemeinsam mit der öffentlichen kommu- nalen Fürsorge zu einem Zeitpunkt, als die „sozialen Primärverbände“ nicht mehr in der Lage waren, Armutsfolgen aufzufangen. Dabei hat sich schon sehr früh eine Zweiteilung von Fürsorge für Erwachsene (Sozialarbeit) und Fürsorge für Kinder und Jugendliche (Sozialpädagogik) herausgebildet. In beiden Bereichen war Soziale Arbeit als „helfende und kontrollierende Profession“ beteiligt. Diese Zweiteilung haben wir heute überwunden und bezogen auf die Armutsproblematik von Kindern wird zurecht betont, dass Soziale Arbeit nicht nur die Kinder im Blick haben darf, sondern auch die Eltern, d.h. dass das nähere und weitere soziale Umfeld der Kinder in entsprechende Arbeitskonzepte mit ein bezogen werden müssen.

Bevor wir darüber sprechen, was Soziale Arbeit heute im Armutskontext zu leisten ver- mag, gilt es m.E. eine Differenzierung hinsichtlich der aktuellen Erscheinungsformen von Armut vorzunehmen. Einerseits haben wir es nach wie vor mit dem bekannten Phänomen der „sozial vererbten Armut“ zu tun, die sozialräumlich meist in sogenannten „sozialen Brennpunkten“ der Städte zu verorten ist und Familien betrifft, die in der Regel dem Ju- gendamt bekannt sind und häufig auch vom Allgemeinen Sozialen Dienst – meist in Form der Sozialpädagogischen Familienhilfe – betreut werden. Dies ist aber nur eine Form von Armut, der eher sichtbare und wahrgenommene „harte Kern“, mit dem die Kinder- und Jugendhilfe schon immer befasst war.

Aktuell hat die Kinderarmutsproblematik in der bundesrepublikanischen Gesellschaft jedoch neue quantitative und qualitative Dimensionen angenommen. Hatten wir bereits seit den 1980er Jahren einen kontinuierlich ansteigenden Trend, so ist davon auszugehen, dass die materielle Verarmung mit der Umsetzung von Hartz IV weitere Kreise zieht wird und dass dadurch insbesondere Familien mit Kindern betroffen sein werden. Dabei handelt es sich zum einen um Verarmungsprozesse, die in den Familien – systemisch betrachtet – nicht nur materielle Knappheit, sondern auch spezifische psychosoziale Prozesse und Rol- len verschiebungen auslösen können. Zum anderen haben wir es hierbei eher mit Armuts- lagen zu tun, die nach außen zunächst wenig(er) auffällig sind, was nicht zuletzt auf das häufige Bestreben dieser Familien zurückzuführen ist, die materielle Knappheit nach außen zu verbergen und möglichst „Normalität“ aufrecht zu erhalten. In dieses Bestreben werden auch die Kinder eingebunden bzw. sie entwickeln auf Grund der gesellschaftlich negativen Konnotation von Armut selbst derartige Bewältigungsmuster. Inzwischen ist die Armut von Kindern in der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen wohl auch in den Grund- schulen angekom men, die sich lange Zeit – sofern es sich nicht um sogenannte Brenn- punktschulen handelte - schwer damit getan haben, sich dieser sozialen Realität zu stellen. Neben anderen auffälligen Anzeichen wie die Nichtteilnahme an Klassenfahrten oder die mangelhafte Ausstattung mit Schulmaterialien wird die materielle Armutsproblematik in Ganztagsschulen wohl zunehmend dadurch sichtbar, dass Kinder das Geld für das Mit- tagessen nicht beibringen können... Tatsache ist, dass wir es mit neuen Armutsformen zu tun haben, mit spezifischen Ausprägun- gen von Dauer und Art der Betroffenheit, mit einem anderen Spektrum von Bewältigungsmustern, die auch neue Antworten der Päd- agogik und der Sozialen Arbeit erfordern.

HP: Welche Konsequenzen für die Soziale Arbeit und für Politik würden Sie aus diesen Erkenntnissen zu ziehen?

MZ: Grundsätzlich ist Soziale Arbeit – vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden ge- sellschaftlichen Polarisierungsprozesse – dazu aufgefordert, ihre Rolle und Möglichkeiten im Armutskontext neu zu überdenken. War sie bisher vor allem mit sogenannter „alter Ar- mut“ befasst, d.h. mit Fallarbeit im Rahmen von Sozialpädagogischer Familienhilfe und in gemeinwesenorientierter Stadtteilarbeit in benachteiligten Stadtgebieten, ist sie nun auf- gefordert, Konzepte zu entwickeln, mit denen sie diesen neuen Armutsformen begegnen kann. Das heißt, auch Angebote in anderen Stadtteilen, in Schulen, Horten und in der Kinder- und Jugendarbeit zu konzipieren, die der Problematik von neuen Verarmungs- prozessen, der eher „unsichtbaren Armut“, gerecht werden. Dies erfordert jedoch nicht nur ein konzeptionelles Umdenken, sondern auch politisches Handeln, weil die Politik auf kommunaler Ebene erst die finanziellen Rahmenbedingungen dafür bereit stellen müsste und eine entsprechende sozialpädagogische Infrastruktur fördern müsste.

HP: Was kann Soziale Arbeit, bezogen auf Kinderarmut, leisten?

MZ: Es wird in erster Linie immer darum gehen, die Kinder in der Bewältigung ihrer Lebens lage zu unterstützen, einen Ausgleich für ihren eingeschränkten Zugang zu Res- sourcen zu ermöglichen, d.h. kompensierend zu agieren. Dabei geht es auch, aber nicht nur um materielle Ressourcen, die die Grundversorgung von Kindern betreffen wie z.B. ein nahrhaftes Essensangebot oder witterungsgemäße Kleidung usw.; sicherlich wären diesbezüglich mehr nicht-stigmatisierende Angebote erforderlich (z.B. in Schulen und in offenen Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe). Daneben braucht es Angebote, die die- sen Kindern Zugang zu Ressourcen ermöglichen, die sie bei ihrer altersgemäßen Bewältigung von Entwicklungsaufgaben unterstützen und fördern.

HP: Welche Unterstützungsformen könnten das sein?

MZ: Ich nenne nur einige wesentliche Aspekte: Kinder in Armutslagen sind gegenüber anderen Kindern in der Entwicklung ihrer Fähigkeiten und Neigungen, in ihrer räumlichen Mobilität und in ihren sozialräumlichen Erfahrungen, in ihren Erholungsmöglichkeiten und häufig auch in ihren sozialen Kontakten zu Gleichaltrigen eingeschränkt. Hier kommt selbstredend auch der Schule eine wichtige Rolle zu und teilweise gibt es bereits Konzepte (z.B.: Modellprojekte in Berlin, die Schule als Lebenswelt der Kinder begreifen und die Sozialwelt der Kinder in den schulischen Ablauf mit einbeziehen), mit denen Schulen neben ihrem Bildungsauftrag auch sozialpädagogische Aufgaben wahrnehmen könnten. Aber Schule ist per se keine „sozialpädagogische Veranstaltung“ und so wird dies nur in einer engen Kooperation zwischen Schule und Sozialer Arbeit zu leisten sein, d.h. dass Soziale Arbeit wesentlich stärker als bisher in der Schule verortet werden müsste, vor allem in Ganztagsschulen.
Eine weitere mögliche Verortung solcher Angebote für Kinder sehe ich in den Stadtteilen, wobei diese – entsprechend der sozialwissenschaftlichen Erkenntnis, dass wir es mit einer sozialstrukturellen und räumlichen Entgrenzung von Armut zu tun haben – eben nicht nur auf ausgeprägt sozial benachteiligte Stadtteile beschränkt bleiben dürfen. Um die Kinder, die von diesen neuen Armutsformen betroffen sind zu erreichen, braucht es ein breitge- streutes Angebot. Man wird sagen, dass dies nicht finanzierbar sei und meine Antwort darauf ist: Wenn es nicht gelingt, Armut als solche mit politischen und gesellschaftlichen Konzepten zu vermeiden, wird die sozialpädagogische „Bearbeitung“ der Folgen erheb- liche finanzielle Ressourcen erfordern, abgesehen von den individuellen „Kosten“, die sie den betroffenen Kin- dern und ihren Familien abverlangt.
Selbst wenn entsprechende Projekte unter dem Label von „Armutsprävention“ initiiert wer- den, kann Soziale Arbeit die Armutslage als solche durch die Arbeit mit den Kindern nicht beseitigen. Auch wenn es ihr gelingt, die Eltern einzubeziehen, kann sie nur begrenzt Unterstützung anbieten, die zu einem Ausstieg aus der Armutslage führen wird.

HP: Kennen Sie eine solche Praxis? Haben Sie konkrete Beispiele dafür?

MZ: Ja, es gibt mittlerweile eine Reihe von Praxisprojekten, die sich die Bearbeitung der Ar- mutsfolgen für die davon betroffenen Kinder zur Aufgabe gemacht haben. Ich könnte einige nennen, möchte aber lieber exemplarisch auf zwei Modellprojekte in Saarbrücken eingehen, die ich über einen Zeitraum von drei Jahren fachlich begleitet habe und deren Arbeitsweise und Erfahrungen mir aus eigener Anschauung vertraut sind. Allerdings han- delt es sich dabei um Projekte, die in zwei Stadtteilen angesiedelt sind – Malstatt und Altsaarbrücken - , die als traditionell benachteiligte Stadtteile gelten. Anders verortete Projekte  werden derzeit wohl immer noch wenig Chancen haben, finanziert zu werden. Diesbezüglich gilt es politische Überzeugungsarbeit zu leisten.
Die Initiator/innen der beiden Projekte waren zuvor schon seit längerem mit einer gemein- wesenorientierten Arbeitsweise in den jeweiligen Stadtteilen engagiert. Die damit gegebe- ne lokale Verankerung bildete die spezifische Ausgangslage, die es beiden Projekten er- möglichte, eine Fokussierung auf eine jeweils begrenzte Zielgruppe von Kindern vorzu- nehmen. So arbeitet das Projekt in Altsaarbrücken speziell mit Kindern in der Übergangs- phase von der Grundschule in weiterführende Schulen.(mit 9 – 12-Jährigen), da solche Übergänge bekanntlich eine besondere Herausforderung und Weichenstellung beinhalten. Das Projekt in Malstatt führt ein intensives Förderprogramm mit einer zahlenmäßig be- grenzten Gruppe von Grundschulkindern und deren Eltern durch. Dabei können beide Projekte an bereits laufende Aktivitäten ihrer Träger (des Stadtteilbüros Malstatt: Gemein- wesenprojekt in Trägerschaft des Diakonischen Werks an der Saar sowie des Stadtteil- büros Altsaarbrücken, Gemeinwesenprojekt in Trägerschaft der Paritätischen Gesellschaft für Gemeinwesenarbeit e.V.) anknüpfen.

Beide Projekte gehen von einem multidimensionalen Armutsverständnis aus und betrach- ten Armut als eine Lebenslage, die vielfältige – einschränkende und benachteiligende - Auswirkungen bei den betroffenen Kindern und Familien haben kann. Diese Sichtweise wird jedoch gekoppelt mit einem ressourcen- und resilienzorientierten Ansatz, der den Blick auf die Potentiale und Fähigkeiten der Kinder hin öffnet und auf außerfamiliär gege- bene Fördermöglichkeiten lenkt. Aufgrund ihrer sozialräumlichen Verortung haben es die beiden Projekte vorwiegend mit Erscheinungsformen von sogenannter „alter Armut“ zu tun, bei der es vor allem auch darum geht, den „Teufelskreis der Armut“ und von sozialer Benachteiligung zu durchbrechen. Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, das Hauptaugen- merk auf die Bildungschancen der Kinder (im weitesten Sinne) zu legen und ganzheitlich ihre Widerstandsfähigkeit zu fördern, d.h. ihre Fähigkeit sich „trotz widriger Umstände“ altersgemäß zu entwickeln und sich in ihrem alltäglichen Kinderleben wohl zu fühlen.
Entsprechend dem Grundkonzept von Resilienzförderung, das davon ausgeht, dass es Re- silienz auf drei Ebenen zu fördern gilt – was im übrigen auch allgemeinen Grundsätzen in der Sozialpädagogik entspricht - , sind die Projekte mit ihren Aktivitäten jeweils auf die- sen unterschiedlichen Ebenen angesiedelt:

Erstens: die direkte sozialpädagogische Arbeit mit den Kindern, um ihre Handlungs- und Entwicklungsspielräume zu erweitern und ihre Resilienzfähigkeit zu unterstützen.
Zweitens: die explizite Einbeziehung der Eltern und Familien der Kinder, insbesondere um deren Erziehungs- und Beziehungsfähigkeit (z.B.: durch Elternkurse) zu fördern.
Drittens: eine stadtteilbezogene Vernetzungsarbeit, die sich an der Verbesserung der Le-  bensbedingungen der Kinder im Stadtteil orientiert.

Konzeptionell geht es also um die Förderung von unterschiedlichen Resilienzbereichen wie: die Förderung von Bildungsmöglichkeiten (sowohl schulischer wie auch informeller Bildungsmöglichkeiten), von Gleichaltrigenbeziehungen (Spielkameradschaften und Freundschaften), von Interessen und Neigungen (und damit auch des Selbstwertgefühls), generell von sozialen Kompetenzen, auch um die Vermittlung von Werten und um ein Angebot von sicherer Bindung für diejenigen Kinder, die in dieser Hinsicht einen Man- gel erfahren, auch wenn dies nur in begrenztem Maße in dem gegebenen Setting möglich sein dürfte. Wichtig ist, dass ein „optimales Ergebnis“ nur erzielt werden kann, wenn eine Förderung der Kinder auf allen drei Ebenen angestrebt wird, d.h. wenn neben der Einzel- fallarbeit auch die Verknüpfung mit einer Förderung auf den anderen Ebenen möglich ist.

HP: Individuen haben Möglichkeiten, mit schwierigen Lebenslagen und Krisen umzu- gehen. Hierfür steht der sozialwissenschaftliche Begriff der Resilienz, wie Sie ihn soeben eingeführt haben. Ihre neueste Publikation, die im Herbst erscheinen soll, bezieht sich auf diese Widerstandsfähigkeit bzw. Fähigkeit der Krisenbewältigung. Können Sie einige zentrale Ergebnisse benennen?

MZ: Das Resilienzthema ist nicht neu und wird z.B. in den USA schon seit annähernd 30 Jah- ren beforscht und diskutiert. In diesem Kontext sind dort auch mehrere Längsschnitt- studien durchgeführt worden, auf deren Ergebnisse, die heutigen Erkenntnisse dieses Forschungszweiges beruhen. Auch in der Bundesrepublik gibt es Forschungsvorhaben, die sich mit der Frage von „Resilienz“ bezogen auf unterschiedliche Risikogruppen von Kindern und Jugendlichen befassen. Eine allgemeine und immer wiederholte Erkenntnis ist dabei, dass Aufwachsen in Armut ein zentrales Risiko für die kindliche Entwicklung – und ich würde hinzufügen für das kindliche Wohlbefinden – darstellen kann. Aber trotz dieser Erkenntnis ist die Frage, inwieweit Resilienzförderung spezifisch auch in sozial- pädagogische Projekte zur Unterstützung von kindlicher Armutsbewältigung einbezogen werden kann, bisher nicht ernsthaft aufgegriffen worden.

Dieses Anliegen verfolge ich mit meiner aktuellen Forschungsarbeit und der von Ihnen angesprochenen Publikation, die zunächst das Ziel verfolgt, die empirischen Ergebnisse aus der (eigenen) Kinderarmutsforschung mit den theoretischen Erkenntnissen und ent- sprechenden Prämissen des Resilienzdiskurses zu verbinden, um daraus Schlussfolge- rungen für die praktische sozialpädagogische Arbeit mit Kindern, die in Armutsverhält- nissen aufwachsen, abzuleiten. Die wichtigste Prämisse stellt dabei die Erkenntnis dar, dass die Widerstandsfähigkeit von Kindern keine angeborene Eigenschaft ist, sondern dass sie als ein prozesshaftes Geschehen zu begreifen ist, das durch unterschiedliche Faktoren gefördert werden kann. An diesem Prozess ist in erster Linie das Kind selbst beteiligt, in seinen Interaktionen mit seinem näheren und weiteren sozialen Umfeld, das seine Be- wältigungsfähigkeit sowohl fördern als auch behindern kann. Mit anderen Worten: dieses nähere und weitere soziale Umfeld können sich für das Kind im Bewältigungs- prozess eines Risikos – in unserem Fall der Auswirkungen von Armut – als Risiko- oder Schutzfaktoren erweisen. Hier sehe ich einen eindeutigen Bezug zu den Möglichkeiten von Sozialer Arbeit wie ich sie schon am Beispiel der beiden Modellprojekte unterstrichen habe.

HP: In einer Publikation schlagen Sie die analytische „Trennung von objektiv struktu- rellen und subjektiv lebensweltlich bedingten Aspekten von Armut“ vor. (Zur Rolle der Sozialen Ar- beit im Armutskontext – Eine Synopse von Grundsatzkontroversen, in: ..., S. 10). Ist – so gesehen – Soziale Arbeit für die lebensweltlichen Aspekte zuständig und Poli- tik für die strukturellen Aspekte?

MZ: Im Prinzip ja, wobei die Verantwortung von Politik auf unterschiedlichen Ebenen zu sehen ist. Die Zuständigkeit für objektiv strukturelle Rahmenbedingungen liegt in erster Linie bei der Politik auf Bundesebene, die Kinder- und Familienarmut mit sozialpoli- tischen Konzepten zu verhindern hätte. Auf kommunaler Ebene kann Sozialpolitik ledig- lich durch infrastrukturelle Maßnahmen zur besseren Bewältigung von Armutsfolgen einen Beitrag leisten. Soziale Arbeit ist letztlich in sozialpolitische Konzepte eingebunden. Sie operiert auf der Ebene von Lebenswelt und definiert sicherlich auch durch ihr Selbst- verständnis ihre Rolle im Kontext von Armutsbewältigung. Aber letztlich braucht sie einen politischen Auftrag und ist auf die öffentliche Finanzierung ihrer Konzepte zur Armutsbewältigung angewiesen.

HP: Ich sehe das Problem, dass die sozialpädagogische Profession „benutzt“ oder besser: politisch in den Dienst genommen wird. Das ist ein altes Problem und nichts Neues. Hier werden Armutsfolgen u.a. durch die Stärkung der Individuen gemildert. Was müsste Ihrer Auffassung nach die Profession tun, um auf politischer Ebene aktiv zu werden, damit die Entstehung von Armut besser verhindert werden kann? Ich habe das Gefühl, die Profession kümmert die politische Lage wenig.

MZ: Das Problem der Indienstnahme der Sozialen Arbeit durch die Politik sehe ich auch und stimme zu, dass dies weder neu, noch auf die Armutsproblematik begrenzt ist. Einher- geht dies mit einer individualisierten Zuschreibung von Verursachung und Zuweisung von Armutsbewältigung; beides erweist sich für die Politik als effektive Strategie, um gesell-schaftliche Probleme in der öffentlichen Wahrnehmung zu individualisieren und die poli- tische Verantwortung abzuschieben.

Was die Profession und auch die Disziplin der Sozialen Arbeit betrifft, so kann man sicherlich nicht generell sagen, dass sie politisch abstinent seien. So hat die Profession – u.a. repräsentiert durch die Wohlfahrtsverbände in den letzten Jahren die Armutspro- blematik auf den verschiedenen Ebenen von Politik – von der kommunalen bis zur euro- päischen – wiederholt auf die politische Agenda gesetzt. Ich erwähne nur einige Beispiele: Die Wohlfahrtsverbände waren an der Gründung der Nationalen Armutskonferenz betei- ligt, in der sie mit Sozialhilfe- und Erwerbsloseninitiativen, Gewerkschaften usw. zusam- menarbeiten und politischen Einfluss zu nehmen versuchen. Sie haben die Armutsbericht- erstattung Ende der 1980er/Beginn der 1990er Jahre mit initiiert und waren auch in die regierungsamtliche Armuts- und Reichtumsberichterstattung eingebunden. Ebenso haben sie sich an der von der Europäischen Union angestoßenen Erstellung von Nationalen Aktionsplänen gegen Armut und soziale Ausgrenzung beteiligt.

Was mir aber zu fehlen scheint, ist eine wirkungsvolle Fokussierung der politischen Aktivitäten auf die Armutsproblematik und eine größere Konfliktbereitschaft gegenüber der Politik. Mir fehlt auch die Entfaltung von phantasievolleren Aktionen, die tatsächlich dazu beitragen könnten, Armut öffentlich „sichtbar“ zu machen. So habe ich neulich einen Bericht über die norwegische aktuelle „Armenhaus-Bewegung“ gehört, der es offen- sichtlich mit kreativen und eindrucksvollen Aktionen zu gelingen scheint, die unter- schiedlichen Dimensionen von erlebter Armut ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und so das politische Klima zu beeinflussen.

HP: Welche Rolle sollten hier Berufsorganisationen spielen? Anders gefragt: Wo ist die Gren- ze von Pädagogik zu markieren?

MZ: Sicherlich nimmt Soziale Arbeit im Praxisvollzug die Grenzen (sozial-)pädago- gischen Handelns – gerade im Armutskontext – täglich wahr und ist sich ihrer mehr oder weniger bewusst. Grundsätzlich wird diese Problematik wohl auch in den Berufsver- bänden diskutiert, jedenfalls wird auf der Ebene offizieller Verlautbarungen (siehe: Selbstdarstellung des DBSH) die Notwendigkeit betont, die „Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Arbeit öffentlich zu benennen“, um so zu einer Klärung von Verantwortlich- keiten zwischen Profession und Politik beizutragen. Tatsächlich sehe ich aber auch das Problem, dass Soziale Arbeit im Alltagsgeschäft – nicht zuletzt vor dem Hintergrund von Ökonomisierungsprozessen und entsprechendem Legitimationsdruck – sich eher scheuen dürfte, diese Grenzen in politischen Aushandlungsprozessen, in denen es um den Zu- schnitt ihrer Zuständigkeiten geht, deutlich zu kennzeichnen. Aber ich bin gehe davon aus, dass es diesbezüglich – angesichts von zunehmender Brisanz der Armutsproblematik – innerhalb der Sozialen Arbeit zu Klärungsprozessen kommen wird, in denen sie sich professionell und politisch eindeutig verorten muss. Abschließend vielleicht nur ein Indiz, das in diese Richtung weist: Im März d.J. hat der deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. (DBSH) zusammen mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg) und dem Zentrum für Praxisentwicklung (ZEPRA) ein Werkstattgespräch mit dem Thema „Wege aus der Armut – Beiträge der Sozialen Arbeit“ ausgerichtet. Diese Veranstaltung fand im Rahmen des weltweiten „Tag der Sozialen Arbeit“ (Global Social Work Day) statt und in der Europäischen Region hat man sich immerhin dazu entschieden, für diesen Tag die Armutsproblematik in den Fokus zu stellen.

 

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